de

Ulrike Marie Meinhof

Persan haben keine Bilder. Fügen Sie neue Bilder.
Geburt:
07.10.1934
Tot:
08.05.1976
Zusätzliche namen:
Ulrike Meinhof, Ульрика Мария Майнхоф, Ulrike Marie Meinhof
Kategorien:
Journalist, Mörder, Soldat, Terroristen, Verbrecher
Nationalitäten:
 deutsche
Friedhof:
Mariendorf, Dreifaltigkeitsfriedhof III (de)

Ulrike Marie Meinhof (* 7. Oktober 1934 in Oldenburg; † 9. Mai 1976 in Stuttgart-Stammheim) war eine bekannte deutsche Journalistin der radikalen Linken und spätere Terroristin.

Seit ihrer Studienzeit in den 1950er Jahren war sie politisch engagiert, zuerst in der Bewegung Kampf dem Atomtod, seit 1959 als Redakeurin der Zeitschrift konkret, seit 1965 in der APO. 1970 nahm sie an der Baader-Befreiung teil, gründete die Rote Armee Fraktion (RAF) mit und verfasste deren ideologisches Konzept.

Nach der „Mai-Offensive“ der RAF mit sechs Sprengstoffanschlägen wurde Meinhof im Juni 1972 verhaftet und verbrachte neun Monate in strenger Einzelhaft. Im November 1974 wurde sie wegen Mordversuchs bei der Baader-Befreiung zu acht Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Ab 1975 war sie Mitangeklagte im Stammheim-Prozess gegen die Führungsmitglieder der RAF. Ihr wurde mindestens einer der sechs Anschläge zur Last gelegt. Vor dem Prozessende wurde sie in ihrer Zelle in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim erhängt aufgefunden. Zwei Obduktionen schlossen Fremdeinwirkung aus.

Leben

Kindheit

Meinhof wurde als Tochter des Kunsthistorikers Werner Meinhof geboren. Ihre frühe Kindheit verbrachte sie in Oldenburg. Mit der Anstellung des Vaters im Stadtmuseum Jena folgte der Umzug 1936 in die Saalestadt. 1940 starb ihr Vater an Krebs. Die Mutter Ingeborg Meinhof entschied sich, ein Studium der Kunstgeschichte aufzunehmen. In diese Zeit fielen die ersten Kontakte zu Renate Riemeck, einer Kommilitonin der Mutter. Auf der Suche nach einem Zimmer wurde Renate Riemeck Untermieterin bei den Meinhofs und war viele Jahre eine wichtige Vertrauensperson für Ulrike Meinhof. Mit zehn Jahren erlebte die junge Ulrike den Einmarsch der Amerikaner in Jena und das Ende des Zweiten Weltkriegs. Anschließend zogen Ingeborg Meinhof und Renate Riemeck nach Bad Berneck im Fichtelgebirge und 1946 wieder nach Oldenburg. Drei Jahre später starb Ingeborg Meinhof. Der Historikerin Renate Riemeck wurde die Vormundschaft für die damals 14-jährige Ulrike und ihre ältere Schwester Wienke (* 1931 in Oldenburg) übertragen.

Ulrike Meinhof besuchte von 1946 bis 1952 die Liebfrauenschule Oldenburg und für einige Zeit auch die Rudolf-Steiner-Schule in Wuppertal. 1955 legte sie ihr Abitur am Gymnasium Philippinum Weilburg ab, wo sie die Schülerzeitung Spektrum gegründet hatte.

Studienzeit

Nach ihrem Abitur zog Meinhof nach Marburg und begann im April 1955 ein Studium der Psychologie, Pädagogik und Germanistik. Die Studienstiftung des deutschen Volkes förderte ihr Studium. Im Wintersemester 1955 gab Meinhof die Fächer Psychologie und Germanistik auf und wechselte zu Kunstgeschichte und Geschichtswissenschaft. Sie besuchte regelmäßig die Universitätskirche, deren Pfarrer Karl Bernhard Ritter die Michaelisbruderschaft in der Berneuchener Bewegung gegründet hatte.

Seit Sommer 1956 las Meinhof Publikationen von Atomwaffen-Gegnern (Robert Jungk, Karl Bechert), christlichen Pazifisten (Friedrich Wilhelm Foerster) und antifaschistischen Theologen (Karl Barth, Dietrich Bonhoeffer). Sie sympathisierte mit dem Appell der Göttinger Achtzehn vom April 1957, der jedoch in Marburg kaum Unterstützer fand. Zum Wintersemester 1957 wechselte sie an die Westfälische Wilhelms-Universität in Münster (Westfalen). Dort schrieb sie regelmäßig Artikel für zwei studentisch-christliche Zeitschriften, in denen sie den Widerstand gegen Atomwaffen aus dem Neuen Testament begründete. Angeregt von Elisabeth Heimpel gründete sie im April 1958 einen „Studentischen Arbeitskreis für ein atomwaffenfreies Deutschland“, um die Bewegung Kampf dem Atomtod zu unterstützen. In einem Flugblatt dazu erklärte sie, die atomare Aufrüstung gehe Jeden an und erfordere wie in der NS-Zeit rechtzeitigen Widerstand: „Wir wollen uns nicht noch einmal wegen 'Verbrechen gegen die Menschlichkeit' vor Gott und den Menschen schuldig bekennen müssen.“

Am 20. Mai 1958 veranstalteten Atomwaffengegner an elf westdeutschen Universitäten eine gemeinsame Kundgebung. Meinhof sprach dabei in Münster erstmals öffentlich. Ab Juni bereitete sie einen Anti-Atom-Kongress in West-Berlin mit vor, gründete dazu die Studentenzeitschrift Das Argument und berichtete darin zusammen mit Jürgen Seifert laufend über die Arbeit der westdeutschen Anti-Atom-Ausschüsse. Sie freundete sich mit Reinhard Opitz an, der die Zusammenarbeit von konkret mit einigen Anti-Atom-Ausschüssen organisierte. Er war Mitglied der KPD, die das Bundesverfassungsgericht 1956 verboten hatte.

Im Juli 1958 trat Meinhof in den SDS ein, dessen Münsteraner Gruppe die Proteste gegen Atomwaffen unterstützte. Im Hauptausschuss der Anti-Atom-Initiativen setzte sie durch, dass mit konkret kooperierende lokale Initiativen geduldet wurden. Im September traf sie erstmals den Hamburger konkret-Redakteur Klaus Rainer Röhl. Ende Oktober trat sie nach einem Treffen mit westdeutschen Kommunisten in Ostberlin in die KPD ein. Ihr damaliger Verlobter Lothar Wallek wollte sie daraufhin nicht mehr heiraten.

Sie schrieb Artikel für die SDS-Blätter david und standpunkt. Von November bis Dezember 1958 war sie Mitglied des AStA der Universität Münster, wurde aber ausgeschlossen, nachdem sie im AStA-Organ einen Artikel über Neofaschismus veröffentlicht hatte. In argument-Artikeln zur Berlin-Krise befürwortete sie den Rapacki-Plan für eine atomwaffenfreie Zone in Mitteleuropa und die Entmilitarisierung ganz Berlins, lehnte die Hallstein-Doktrin ab und kritisierte die Regierungspolitik Konrad Adenauers als „Wiederaufleben eines militanten deutschen Größenwahns und Revanchegeists“.

Beim „Studentenkongress gegen Atomrüstung“ am 3. und 4. Januar 1959 in West-Berlin beantragte Meinhof erfolgreich die Direktwahl der Konferenzleitung, in die daraufhin auch von der SPD unabhängige Delegierte gewählt wurden. Diese erreichten gegen die SPD-Delegierten unter Helmut Schmidt eine große Mehrheit für eine Resolution, die direkte Verhandlungen beider deutscher Staaten über einen Friedensvertrag, über Abrüstung und Zwischenschritte zur Wiedervereinigung verlangte. Meinhof bereitete auch den Frankfurter „Kongress für Demokratie – gegen Restauration und Militarismus“ vom Juni 1959 mit vor. Dieser forderte mit einer von ihr verfassten Resolution die Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht, den Ausschluss ehemaliger Wehrmachtsoffiziere aus der Bundeswehr, Verhandlungen mit der DDR zur schrittweisen Wiedervereinigung und die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als gesamtdeutsche Ostgrenze. Infolge dieser Beschlüsse plante der SPD-Parteivorstand, den SDS stärker zu kontrollieren und linke SDS-Mitglieder auszuschließen. Ein von ihm veranlasstes „konkret-Dossier“ zählte Meinhof zu jenen 13 „Schlüsselpersonen“, die er für eine kommunistische Unterwanderung des SDS verantwortlich machte. Ihre Mitarbeit bei konkret sei mit der SDS-Mitgliedschaft unvereinbar.

Als der SDS-Bundesvorstand sich diese Linie zu eigen machte und der SDS Münster einige Ausschlussverfahren einleitete, trat Meinhof im Juli 1959 mit vier weiteren konkret-Mitarbeitern aus ihm aus. Parallel zu diesen Vorgängen studierte sie weiter Philosophie, wie die Frühschriften Friedrich Nietzsches, und Kunstgeschichte, etwa Architektur der Renaissance und das Werk von Giovanni Lorenzo Bernini. Seit März 1959 hatte sie eine Liebesbeziehung mit Klaus Rainer Röhl, die sie jedoch im Juli beendete. Danach besuchte sie die siebten Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Wien, die sie als freies internationales Diskussionsforum erlebte. Sie plante einen Umzug nach Hamburg, um an der dortigen Universität zu promovieren und in die Redaktion von konkret einzusteigen.

Ende August 1959 studierte Meinhof für ihre Dissertation zu dem Pädagogen und Philosophen Erhard Weigel einen Monat lang in Jena. In einem nicht abgesandten Bericht für ihre Schwester lobte sie den Bildungsgrad vieler DDR-Bürger und kritisierte den Dogmatismus mancher Funktionäre der SED. Im Dezember 1960 brach sie ihre Dissertation ab, um sich ganz der politischen Arbeit zu widmen.

Journalistin

Ab Oktober 1959 gehörte Meinhof als einzige Frau zur siebenköpfigen Redaktion der Zeitschrift konkret, zuständig für die Themen Außenpolitik, Presseschau, bildende Kunst und die Titelbilder. Die KPD-Leitung in Ostberlin, die konkret inoffiziell kontrollierte, bot Meinhof die Chefredaktion an. Sie lehnte aus Loyalität zu Röhl ab, den sie irrtümlich für den Gründer des Blattes hielt. Sie ermöglichte Künstlern wie Frans Masereel und Thomas Lenk und Prominenten wie Erich Kuby, Hans Magnus Enzensberger, Simone de Beauvoir und Pablo Neruda Gastbeiträge. Ihr erster Leitartikel „Der Friede macht Geschichte“ begrüßte das vorausgegangene Treffen zwischen den Staatsführern Nikita Chruschtschow (Sowjetunion) und Dwight Eisenhower (USA) als Ende des Kalten Krieges, das eine andere deutsche Politik erfordere. Sie kritisierte Folter der Kolonialmacht Frankreich im Algerienkrieg, unterstützte die kubanische Revolution und las Werke von Mao Zedong.

1960 entzog ein CDU-Kultusminister Renate Riemeck als erster Hochschullehrerin wegen ihres Engagements gegen Atomwaffen und ihrer DDR-Kontakte die Prüfungszulassung. Dagegen protestierte Meinhof mit vielen Initiativen. Danach engagierte sie sich für die neu gegründete Deutsche Friedensunion (DFU), die ein neutrales, atomwaffenfreies Gesamtdeutschland anstrebte und von der SED gefördert wurde. Sie traf dazu den DDR-Politiker Albert Norden und drehte einen Wahlwerbespot. Weil die KPD Röhl als Wahlkampfleiter der DFU vorsah, übernahm Meinhof im März 1961 die Chefredaktion von konkret. Infolge des Mauerbaus (13. August 1961) erreichte die DFU bei der Bundestagswahl 1961 keine Mandate.

Im Mai 1961 schrieb Meinhof im Leitartikel „Hitler in Euch“: So wie ihre Generation nach Hitler frage, werde sie einst nach Franz-Josef Strauß gefragt werden. Strauß trieb als Bundesverteidigungsminister damals die Atombewaffnung der Bundeswehr voran und klagte gegen Meinhofs Satz. Ihr Verteidiger Gustav Heinemann, der wegen der Wiederbewaffnung 1950 als Innenminister zurückgetreten war, erreichte, dass die Klage 1962 abgewiesen wurde. Dieser Prozess machte Meinhof bundesweit bekannt.

Im Dezember 1961 heiratete Meinhof Röhl und zog mit ihm in eine eigene Wohnung. Mit Artikeln gegen deutsche Notstandsgesetze, Aufrufen zu den Ostermärschen und über die „Neue Linke“ erschloss sie konkret neue Leserkreise. Auch manche Aspekte der DDR-Politik kritisierte das Blatt als militaristisch. Daraufhin verlangte die KPD-Leitung im Juni 1962 ultimativ, die „Hetze gegen die DDR“ einzustellen, und drohte, die Redaktion auszutauschen.

Im September 1962 gebar Meinhof ihre Zwillingstöchter Regine und Bettina Röhl. Im Artikel „Die Würde des Menschen“ beschrieb sie die geplante Notstandsgesetzgebung als staatsstreichartige Abkehr von den Zielen des Grundgesetzes. Im Oktober wurde sie wegen eines Tumorverdachts operiert, erlitt eine Woche lang traumatische Schmerzen und konnte ihre Kinder drei Monate lang nicht sehen. Seitdem geriet ihre Ehe mit Röhl in eine Krise.

Nach der Ermordung von John F. Kennedy im Juni 1963 empfahl sie der Bundesregierung, sich nun vom „großen Bruder“ USA zu lösen und eigenständige Außenpolitik zu betreiben.

Im Juni 1964 verlangte KPD-Vertreter Josef Angenfort von der konkret-Redaktion, den Namen des Blattes abzutreten und die Inhalte kontrollieren zu lassen, sonst werde die KPD ihre Finanzhilfen einstellen. Meinhof bat ihn darum, Röhl als Redakteur zu behalten, ihm die Namensrechte zu überlassen und etwa 80.000 DM Defizit mitzutragen. Als Angenfort ablehnte, traten sie und Röhl aus der KPD aus. Diese ließ Röhl die Namensrechte und mit KPD-Mitteln angeschaffte Geräte. Meinhof und Röhl führten die Zeitschrift durch gut bezahlte Privatanzeigen westdeutscher Verlage weiter. Sie arbeitete fortan als freiberufliche Journalistin für konkret und einige westdeutsche Rundfunkanstalten, schlug deren Angebote für eine feste Anstellung jedoch aus. Nach ihrem Bericht über den NS-Prozess gegen den Holocaust-Täter Karl Wolff bot der HR ihr eine Hörfunksendung zum Warschauer Ghetto an. Dazu befragte sie den Holocaustüberlebenden Marcel Reich-Ranicki. Er lobte später ihr aufrichtiges Interesse. Weitere Angebote folgten; besonders erfolgreich war ihr Beitrag „Arbeitsunfälle“ für die NDR-Sendung Panorama vom 24. Mai 1965. Der HR lehnte Meinhofs Themenwahl nie ab, weil ihre Beiträge stets gründlich recherchiert und konzeptionell durchdacht waren. Sie ließ Originaltexte von professionellen Sprechern vortragen und verband sie mit Spielszenen.

Nach der Trennung von der KPD wurde konkret kommerzialisiert. Titelbilder mit nackten Frauen im Zuge der damaligen „sexuellen Revolution“ steigerten die Auflage. Meinhofs Artikel erschienen dagegen mit Passbild und Signatur der Autorin. Sie verantwortete nun ihre eigene Linie und kritisierte zuweilen auch ihre Redaktion. Das trug zum bundesweiten Erfolg des Blattes in der entstehenden APO bei. Nach der Spiegel-Affäre bezeichnete sie Strauß im Oktober 1964 als „infamsten deutschen Politiker“. Diesmal hatte Strauß mit seiner Unterlassungsklage dagegen Erfolg. 1965 produzierte sie Rundfunkbeiträge über „Gastarbeiter“ und „Heimkinder in der Bundesrepublik“. Diese Randgruppen hatte zuvor kaum ein Medium behandelt. Für die Bundestagswahl 1965 wollte sie den konkret-Lesern erneut die DFU empfehlen, woraufhin Röhl Wahlaufrufe von Günter Grass für die SPD abdruckte.

Im Dezember 1965 stellte der NDR die beliebte Satiresendung „Hallo Nachbarn“ ein. Auf Initiative Meinhofs demonstrierten etwa 15 Personen vor dem NDR-Gebäude dagegen, begleitet von einem großen Polizeiaufgebot. Der NDR setzte Meinhofs geplante Reportage zum Grubenunglück von Lengede von 1963 ab. Ihr Leitartikel „Lohnkampf“ kritisierte, dass die Gesamtmetall-Arbeitgeber und die damalige Bundesregierung unter Ludwig Erhard Ausländerfeindlichkeit zum Senken des Lohnniveaus benutzten. Seit März 1966 engagierte sich Meinhof öffentlich gegen den Vietnamkrieg. Sie nahm am folgenden Ostermarsch teil, wo die Kriegsgegnerin Joan Baez aus den USA auftrat, und kritisierte, dass bundesdeutsche Medien kaum darüber berichteten. Im Juli 1966 organisierte sie eine Protestaktion für Joachim Fest, den der NDR wegen seines kritischen „Panorama“-Beitrags über die Notstandsgesetze entlassen hatte. Durch Teilnehmerberichte über Polizeiverhöre erfuhr sie, dass die Polizei ihre Telefonate mit Freunden abgehört hatte. Seither arbeitete sie nicht mehr für den NDR.

Am 30. November traf sie in Ostberlin die SED-Vertreter Friedrich Karl Kaul und Gerhard Dengler, um Material zum Verhalten des Bundespräsidenten Heinrich Lübke in der NS-Zeit zu erhalten und in der Bundesrepublik zu veröffentlichen. konkret hatte zuvor das von der SED herausgegebene Braunbuch über Kriegs- und NS-Verbrecher in der Bundesrepublik und Berlin (West) mit bekannt gemacht.

Die am 1. Dezember 1966 gebildete Große Koalition kommentierte sie: Die SPD habe seit dem Godesberger Parteitag 1959 auf ihren Regierungseintritt hingearbeitet. Alle Erwartungen an die SPD seien daher Selbsttäuschung gewesen. Mit Röhl und anderen Linksintellektuellen besuchte sie Feste, die der von der CIA finanzierte Kongress für kulturelle Freiheit in Hamburg veranstaltete. Dabei diskutierte sie mit konservativen Journalisten wie Peter Coulmas und plante ein Buch zum Thema Emanzipation und Ehe.

Engagement für die APO

Im Frühjahr 1967 bat Meinhof den Nationalrat der DDR in Ostberlin um einige 1000 Bauarbeiterhelme für demonstrierende Westberliner Studenten, um sie vor Schlägen der Polizei und gegnerischer Bürger zu schützen. Die Bitte wurde geprüft, aber nicht erfüllt. Den Militärputsch in Griechenland von 21. April 1967 deutete sie in der Juni-Ausgabe von konkret als Bedrohung auch der bundesdeutschen Demokratie: In Griechenland sei der Notstand ausgeführt worden, den die Notstandsgesetze in der Bundesrepublik ermöglichen würden. Damit lasse sich eine politisch erfolgreiche Opposition, die derzeit in der Bundesrepublik fehle, ebenso leicht entmachten. Sie vertraute also der parlamentarischen Opposition nicht mehr.

In derselben Ausgabe schrieb Meinhof zum bevorstehenden Schah-Besuch 1967 einen stark beachteten „Offenen Brief an Farah Diba“, die Gattin des Schah. Darin erinnerte sie an den gewaltsamen Sturz des demokratisch gewählten Schahvorgängers Mohammad Mossadegh, schilderte nach Angaben von Bahman Nirumand Analphabetismus, Armut und hohe Kindersterblichkeit im Iran und kritisierte, dass westdeutsche Medien lieber über die Garderobe der Schahgattin als über das Elend der Bevölkerung berichteten. Zudem verfasste sie die satirische Glosse „Spiegel an Springer verkauft“, weil eine Druckerei des Springer-Verlags die Zeitschrift Der Spiegel damals druckte. Weil dessen Redaktion eine einstweilige Verfügung gegen diese konkret-Ausgabe erwirkte, wurde Meinhofs „Offener Brief“ in hoher Auflage nachgedruckt und an vielen Hochschulen verteilt.

Die Erschießung des Demonstranten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 kommentierte Meinhof in der Fernsehsendung „Stimme und Reportage“: Die Proteste gegen einen Polizeistaatschef (den Schah) hätten den eigenen Staat als Polizeistaat entlarvt. Die APO habe die Bereitschaft der Regierenden zum „offenen Terror“ gegen Demokraten gezeigt, die grundgesetzlich verbriefte Rechte wahrnahmen. In einer konkret-Kolumne forderte sie, den Springerverlag zu enteignen, weil dessen Zeitungen Bürger zu Selbstjustiz an linken Studenten aufgerufen hatten und somit für Ohnesorgs Erschießung mitverantwortlich seien.

Fortan unterstützte sie die APO als Teil jener linken Opposition, die sie seit den 1950er Jahren angestrebt hatte. Die Gleichgültigkeit vieler Hamburger Linker gegenüber Ohnesorgs Erschießung stieß sie ab. Es zog sie dorthin, wo die APO am aktivsten war. Infolge weiterer Affären Röhls und politischer Differenzen trennte sie sich im Oktober 1967 von ihm und reichte den Scheidungsantrag ein. Um das Sorgerecht für ihre Töchter zu erhalten, blieb sie zunächst in Hamburg. Nach der Scheidung im April 1968 zog sie mit ihnen nach West-Berlin.

Damals wandte sich der SDS mehrheitlich der antiautoritären Linie Rudi Dutschkes zu. Meinhof traf ihn Anfang 1967 erstmals und sah ihn als politischen Freund. Sie las nun in der Neuen Linken einflussreiche Werke von Herbert Marcuse, Frantz Fanon und anderen. Sie beteiligte sich an der Suche der APO nach wirksamen Aktionsformen gegen den Vietnamkrieg und die als unterdrückend erlebten bundesdeutschen Zustände. Sie kannte das „Organisationsreferat“ vom September 1967, in dem Dutschke und Hans-Jürgen Krahl eine „Stadtguerilla“ zur Unterstützung von Widerstandsbewegungen in der Dritten Welt forderten. Bei einer SDS-Tagung im Oktober 1967 rief sie zu mehr Aufklärung über die Lage von Arbeitern und zu einer stärkeren Verbindung von Studenten- und Arbeiterprotesten auf.

Im Februar 1968 erreichte sie, dass der Schriftsteller Peter Weiss beim „Internationalen Vietnamkongress“ des SDS am 17. Februar in der FU wie vorgesehen als Redner auftrat. Die SED hatte Weiss geraten, abzusagen. Meinhof nahm mit Giangiacomo Feltrinelli am Kongress und an der folgenden Großdemonstration gegen den Vietnamkrieg teil. Sie trug das dort beschlossene Programm mit, das eine Kampagne „Zerschlagt die NATO“, materielle Hilfen für die Nationale Front für die Befreiung Südvietnams, Aufrufe zur Desertion an US-Soldaten und Sabotage-Aktionen gegen kriegswichtige Infrastruktur verlangte. Wegen dieser konkreten Ziele und des Zulaufs zur APO hielt Meinhof erstmals reale positive Veränderungen der bundesdeutschen Gesellschaft für möglich.

Nach dem Mordversuch an Rudi Dutschke am 11. April 1968 versuchte Meinhof mit tausenden Demonstranten, die Auslieferung der Bildzeitung zu verhindern. Deren Aufrufe gegen Dutschke machten die Demonstranten für das Attentat mitverantwortlich. Meinhof nahm an einer Autobarrikade vor der Druckerei des Springerverlags in der Kochstraße teil und reichte Steine als Wurfgeschosse mit nach vorn. Bei einer Studentenversammlung am Folgetag sagte sie: Einen Stein zu werfen und ein Auto anzuzünden, sei strafbar, aber tausend Steine zu werfen und hunderte Autos anzuzünden sei eine politische Aktion. Wie viele andere wurde sie wegen Sachbeschädigung und Nötigung angezeigt. Die Polizei hatte die gesamte Versammlung aufgezeichnet und hielt ihr ihre Aussagen vom 12. April und konkret-Texte vor. So erfuhr sie, dass man sie schon länger beobachtete. Weil der damalige konkret-Mitarbeiter Stefan Aust ihre Aussage bestätigte, sie sei als Reporterin in der Kochstraße gewesen und habe keinen Parkplatz gefunden, wurde sie 1969 freigesprochen.

Im Mai 1968 schrieb sie für konkret den Artikel „Vom Protest zum Widerstand“, in dem sie begrenzte effektive Regelverletzungen als legitimen Widerstand befürwortete, aber zugleich vor irrationaler Gegengewalt aus ohnmächtiger Wut warnte, weil diese der APO schaden werde: „Protest ist, wenn ich sage, das und das paßt mir nicht. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, daß das, was mir nicht paßt, nicht länger geschieht. Gegengewalt, wie sie in diesen Ostertagen praktiziert worden ist, ist nicht geeignet, Sympathien zu wecken, nicht, erschrockene Liberale auf die Seite der Außerparlamentarischen Opposition zu ziehen. Gegengewalt läuft Gefahr, zu Gewalt zu werden, wo die Brutalität der Polizei das Gesetz des Handelns bestimmt, wo ohnmächtige Wut überlegene Rationalität ablöst, wo der paramilitärische Einsatz der Polizei mit paramilitärischen Mitteln beantwortet wird.“

Im August 1968 besuchte Meinhof Dutschke in Rom. Nachdem Truppen des Warschauer Pakts den Prager Frühling am 21. August gewaltsam beendet hatten, schrieb sie: Die kritische Solidarität vieler Linker zur Sowjetunion sei nicht länger fortsetzbar. Das Scheitern des tschechischen Reformkommunismus liege auch an fehlender „Selbstorganisation der Massen“ in „Rätestrukturen“.

Im Oktober 1968 fand der Prozess gegen die Täter der Kaufhaus-Brandstiftungen am 2. April 1968 statt. Gudrun Ensslin gestand ihre Mittäterschaft und bezeichnete die Tat vor Gericht als Irrtum und Fehler. Meinhof befragte sie bei einem Gefängnisbesuch zu ihren Motiven. Im konkret-Artikel „Warenhausbrandstiftung“ kritisierte sie diese Aktionsform als „systemerhaltend“ und „konterrevolutionär“, weil sich die unabsichtliche Gefährdung von Menschen dabei nicht ausschließen lasse und Warenvernichtung die Konsumwelt nicht angreife, sondern eher dem Profitprinzip entspreche, weil Versicherungen dafür aufkämen. Sie sah allerdings ein „progressives Moment“ darin, dass die Aktion jenes Gesetz gebrochen habe, das den Eigentümer schütze, nicht die ausgebeuteten Hersteller der Waren. Sie versuchte diese Straftat also von einer antikapitalistischen Perspektive aus als Nichtbeachtung bestimmter anachronistischer, menschenfeindlicher Gesetze zu deuten.

Im Oktober 1969 verübten APO-Anhänger einen Sabotageanschlag auf ein für portugiesische Kolonien bestimmtes Kriegsschiff der Werft Blohm & Voss. Nach Angaben Jutta Ditfurths wusste Meinhof von dem Plan und bezahlte den Sprengstoff mit, nachdem ihre Bedenken, Menschen könnten verletzt werden, ausgeräumt worden waren. Der Anschlag lag auf der Linie des Vietnamkongresses und wurde von vielen Linken damals gebilligt, verfehlte aber sein Ziel, Medienberichte über deutsche Rüstungsexporte für Kolonialherrschaft zu provozieren.

Trennung von konkret

Meinhof hatte seit Jahren bei konkret pornografische Tendenzen und Auflagensteigerung um jeden Preis abgelehnt. Seit 1968 versuchte sie, den Einfluss der APO auf das Blatt zu stärken. Im Sommer 1968 bot Röhl ihr überraschend die Chefredaktion an. Sie zeigte sich gesprächsbereit, wollte sich aber nicht erneut vereinnahmen lassen. Daraufhin erlaubte Röhl einer Autorengruppe des Berliner SDS, selbst redigierte Artikel in konkret zu publizieren. Er kündigte den Vertrag jedoch nach drei Ausgahen, unter anderem weil die gemeinsamen Artikel durch fehlende Autorennamen zu schlecht verkauft würden. Er behielt einige APO-Vertreter als regelmäßige Autoren, ohne ihnen redaktionelle Mitsprache zu gewähren.

Im Januar 1969 kritisierte Meinhof im Artikel Kolumnismus dieses Konzept. Entgegen seinem linksradikalen Image befriedige das Blatt nur Konsumbedürfnisse nach Marktgesetzen. Die Autoren seien vereinzelt und einem Termindruck und Konkurrenz ausgesetzt, so dass sie oft ungenügend recherchierten und Betroffene zum Objekt machten. Die APO brauche dagegen eine selbstbestimmte Zeitung mit demokratischer Redaktionsarbeit. Röhl betonte dagegen in derselben Ausgabe den Profijournalismus und die Marktlücke, die konkret im Unterschied zum Kursbuch in der APO besetze. Bei einer Redaktionskonferenz im März 1969 beschlossen er und die Berliner APO-Vertreter eine dreiköpfige Chefredaktion, bestehend aus Röhl, Uwe Nettelbeck und Peter Rühmkorf. Meinhof legte dann einen SDS-Aufsatz zur Situation an den Hochschulen vor, den Röhl nicht abdrucken ließ. Daraufhin kündigte sie ihre Mitarbeit mit einer Presseerklärung.

Nettelbeck entließ Gegner Röhls, darunter Meinhofs neuen Freund Peter Homann. Bei einem von ihr initiierten Diskussionsabend am 5. Mai 1969 über konkret beschloss eine Teilnehmermehrheit, zwei Tage darauf die Hamburger konkret-Redaktion zu besetzen, um die Auslieferung der nächsten Ausgabe zu verhindern und Röhl zum Rücktritt zu drängen. Dieser erfuhr vorher davon, ließ die Redaktionsräume räumen und die Besetzer von Polizei festnehmen. Einige richteten danach Sachschäden in Röhls Villa an. Röhl stellte die Aktion in konkret als von Meinhof gelenkten „Gleichschaltungs“-Versuch dar und druckte keine Kolumnen von ihr mehr. Sie verlor einige Freunde, die den Besetzungsversuch als private Racheaktion an Röhl deuteten. Sie ging juristisch gegen die Vorwürfe vor und sah darin eine Ablenkung von der ursprünglich angestrebten Demokratisierung der Redaktion. Erst im Dezember 1969 erklärte der Berliner SDS, sie habe nichts mit der Besetzung zu tun gehabt.

Im Frühjahr 1969 hatte Meinhof einen Lehrauftrag für Publizistik an der FU erhalten. Sie entwickelte mit ihren Studenten Hörfunksendungen; gemeinsam planten sie eine unabhängige, antiautoritäre linke Zeitung. Im November griffen drei Zeitungen des Springerverlags ihre Seminarangebote und Lehrmethoden als Agitationsarbeit der „roten Ulrike“ an. Nach Spitzelberichten stellten CDU-Abgeordnete bis Januar 1970 im Senat neun kleine Anfragen zu ihrer Tätigkeit. Dieser fand keine Beweise für ein verfassungswidriges Verhalten. Wegen der Herabsetzung und Bespitzelung ihrer Arbeit verlängerte Meinhof ihren Lehrauftrag jedoch nicht. Weil die KPD/AO die Wochenzeitung Rote Presse Korrespondenz übernahm, konnte sie dort keine Artikel mehr publizieren.

Verhältnis zur Frauenbewegung

1968 und 1969 befasste sich Meinhof verstärkt mit der Frauenbewegung. Ihr Artikel Falsches Bewusstsein beschrieb deren Erfolge, Illusionen und Defizite aus ihrer Sicht: Berufstätige Frauen seien noch nicht sozial emanzipiert, weil sie als Mütter oft verstärkt Angriffen auf Mütterarbeit usw. ausgesetzt seien. Im April lud Hans Magnus Enzensberger sie zu einem Beitrag für ein Kursbuch zur Frauenfrage ein. Dazu traf sie sich mit dem „Aktionsrat zur Befreiung der Frauen“. Dessen Gründerin Helke Sander glaubte danach, Meinhof wolle als emanzipierte berufstätige Frau nichts mit dem Aktionsrat zu tun haben. Tatsächlich versuchte sie laufend, ihre politische und berufliche Aktivität mit dem Aufziehen ihrer Kinder zu vereinbaren. Sie suchte erfolglos eine passende Wohngemeinschaft für kollektive Kindererziehung. Weil der Kindergarten ihrer Töchter autoritär geführt wurde, meldete sie sie vorzeitig in einer Privatschule der Königin-Luise-Stiftung an. Im Juli 1969 hielt sie den Vortrag „Die Befreiung der Frau“ in Tübingen, worauf sich dort eine Frauengruppe bildete. In einem Filminterview erklärte sie, Kindererziehung sei höchst politisch, weil sich daran erweise, wie frei man sei. Die Familie sei als stabiler Beziehungsort unerlässlich für Kinder. Dass politisch bewusste Frauen wie sie privat dieselben Probleme hätten wie alle berufstätigen Mütter, zeige jedoch den fortbestehenden Kern der Unterdrückung: die Trennung des Privaten vom Politischen.

Heimkampagne

Seit 1965 hatte Meinhof in einigen Artikeln und Radiosendungen die Fürsorgeerziehung von Kindern und Jugendlichen in westdeutschen Jugendfürsorgeheimen kritisch beschrieben. Sie forderte seit 1966 ein Verbot jeder Art von Gewalt gegen Kinder und selbstbestimmtes Lernen, ähnlich wie die Antiautoritäre Erziehung.

Seit ihrem Umzug nach Westberlin plante sie einen Film über Heimmädchen, in dem diese die Hauptrollen spielen sollten. Im Mai 1968 erhielt sie einen Auftrag des Südwestfunks (SWF) dafür und die behördliche Erlaubnis, in Westberliner Heimen zu recherchieren. Sie fand eine Pädagogin, die den Mädchen ihres Heimes selbstbestimmtes Lernen, Ausgang, Rauchen, bezahlte Arbeit und Zusammenleben mit Partnerinnen erlaubte und dafür erheblich angefeindet wurde. Im Hauptpflegeheim und im Heim Eichenhof (Tegel) erzählten ihr einige Mädchen von ihrer häufigen Bestrafung, Schlägen und Ausbeutung. Sie erreichte die Entlassung der 17-jährigen Irene Goergens, indem sie für sie bürgte und sie bei sich aufnahm. Im August erhielt SWF-Programmdirektor Günter Gaus gegen Widerstände der Heimleiter vom Berliner Senat die Dreherlaubnis in diesen Heimen. Meinhofs Drehbuch wurde vorbehaltlos akzeptiert.

Im Dezember 1969 veröffentlichte Meinhof die Radiosendung „Bunker-Bunker“ über ihre bisherigen Heimrecherchen. Auf Anfrage des beteiligten Sender Freies Berlin bestätigte ein Berliner Senator den Tatsachengehalt ihres Sendemanuskripts. Im Februar 1970 begannen die Dreharbeiten für den Fernsehfilm Bambule. Der vom SWF beauftragte Regisseur Eberhard Itzenplitz lehnte die von Meinhof gewünschte Schauspielerin Barbara Morawiecz ab. Auch die Heimmädchen, denen sie die Rollen schon versprochen hatte, durften diese nicht selbst spielen. Daraufhin zog sie sich von den Dreharbeiten zurück und betrachtete ihr Projekt als gescheitert: Der Film sei zum Konsumartikel geworden und betrüge die Mädchen einmal mehr. Nur die Betroffenen selbst könnten ihre Lage ändern, Außenstehende müssten ihre Selbstorganisation aktiv unterstützen.

Die ARD wollte den Film am 24. Mai 1970 ausstrahlen. Intendant Helmut Hammerschmidt setzte ihn jedoch nach Meinhofs Teilnahme an der Baader-Befreiung (14. Mai) trotz Protesten von 122 SWF-Mitarbeitern ab. Erst 1994 wurde er gesendet.

Baader-Befreiung

Am 31. Oktober 1968 waren Andreas Baader und Gudrun Ensslin mit zwei weiteren Kaufhausbrandstiftern zu drei Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt, aber im Juni 1969 bis zum Revisionsurteil entlassen worden. Danach halfen sie im Rahmen der Randgruppenstrategie Jugendlichen, die aus dem Jugendheim Staffelberg (Biedenkopf) ausgebrochen waren, Lehrstellen und Wohnungen zu finden. Meinhof freundete sich bei Recherchen über ein anderes hessisches Jugendheim mit ihnen an. Als am 4. Februar 1970 nach der Revision auch Baaders und Ensslins Gnadengesuch abgelehnt wurde, tauchten sie in Westberlin unter. Meinhof nahm sie einige Wochen in ihre Wohnung auf.

Am 4. April 1970 wurde Baader auf dem Weg zu einem vom Verfassungsschutzagenten Peter Urbach fingierten Waffenverkauf verhaftet. Er musste mit bis zu 34 Monaten Haft rechnen und wäre ebenso wenig wie Horst Mahler und andere vom Straffreiheitsgesetz erfasst worden, das die SPD/FDP-Regierung angekündigt hatte. Die „Illegalen“ in der APO erwogen daher auch Gefangenenbefreiungen. Mahlers Gruppe wollte Baader aus der Haft befreien, um mit ihm eine illegale revolutionäre Gruppe aufzubauen und eine Vorreiterrolle in der Szene zu erhalten. Meinhof entschied, sich daran zu beteiligen.

Laut Bahman Nirumand erklärte sie ihm damals: Sie sei entschlossen, „endlich dieses verlogene bürgerliche Leben zu beenden und alle Folgen eines konsequenten Kampfes auf mich zu nehmen.“ Das Lavieren von Sozialdemokraten und Salonlinken diene nur dazu, das Überleben des Kapitalismus zu verlängern. Man müsse den Staat mit bewaffneten Aktionen zwingen, sein wahres Gesicht zu zeigen. Nur so könne man die Menschen wachrütteln und eine Revolution vorbereiten. Die Erfolgsaussicht sei dabei größer als mit linkem Journalismus, der nur ohnehin Gleichgesinnte erreiche und als demokratisches Feigenblatt diene.

Meinhof schloss mit dem Verleger Klaus Wagenbach einen Vertrag für ein Buch über Heimerziehung, an dem Baader mitwirken sollte. Dann beantragte sie bei den Behörden die Erlaubnis, im Deutschen Zentralinstitut für Soziale Fragen mit Baader für das Buch zu recherchieren. Sie setzte also ihren Ruf als Autorin ein, damit Baader Ausgang erhielt, und kundschaftete die Bibliothek des Instituts aus. Am 14. Mai 1970 wartete sie mit zwei weiteren Frauen vor Ort, bis Baader hineingeführt wurde. Zwei bewaffnete Personen stießen dazu und überrumpelten Baaders Bewacher. Dabei schoss einer auf den zufällig anwesenden Bibliotheksangestellten Georg Linke und verletzte ihn schwer. Meinhof floh mit den vier übrigen Tätern aus einem Fenster und bestieg ein bereitstehendes Fluchtauto. Sie ließ ihre Handtasche vor Ort, in der sich ein Hypothekenbrief, aber keine Waffe fand. Vermutet wird, sie habe sich eventuell erst nach den Schüssen zur Flucht entschlossen. Die Polizei stellte sie mit einem Steckbrief, der nur ihr Portraitfoto zeigte, als wegen Mordversuchs gesuchte Haupttäterin dar. Die Fahnder gingen also noch vor genauen Ermittlungsergebnissen von ihrer Führungsrolle und Übereinstimmung mit Baader und Ensslin aus.

Im Juni veröffentlichte der Spiegel Auszüge eines Gesprächs, das die französische Journalistin Michèle Ray mit Meinhof geführt und aufgezeichnet hatte. Darin erklärte sie: Baader sei für den geplanten Aufbau eines bewaffneten Widerstands unentbehrlich. Mit seiner Befreiung könnten sich viele identifizieren. Sie zeige, „dass wir es ernst meinen“. Dann rechtfertigte sie den Schusswaffengebrauch gegenüber Kritik, dass Polizisten doch auch Menschen seien: „Das ist ein Problem und wir sagen natürlich, die Bullen sind Schweine. Wir sagen, der Typ in Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch, und so haben wir uns mit ihm auseinanderzusetzen. Das heißt, wir haben nicht mit ihm zu reden und es ist falsch, überhaupt mit diesen Leuten zu reden, und natürlich kann geschossen werden.“ Im April 1971 schrieb Meinhof im RAF-Konzept dazu, die Aufnahme sei nicht authentisch, stamme aus einer privaten Diskussion und sei als Gedächtnisstütze für einen selbständigen Artikel Rays gedacht gewesen. Diese habe die Gruppe mit der Weitergabe „reingelegt“. Hätten sie geahnt, dass ein ziviler Angestellter eingreift und angeschossen wird, dann hätten sie die Befreiungsaktion unterlassen. Ein unbewaffneter Befreiungsversuch wäre „selbstmörderisch“ gewesen.

Sorgerechtsstreit

Am Vormittag des 15. Mai 1970 ließ Meinhof ihre Töchter nach Bremen zu ihrer Freundin Lilli Holtkamp bringen. Am selben Tag beantragte Röhl das vorläufige Sorgerecht für sie, das er am Folgetag erhielt, und ließ Interpol nach ihnen fahnden. Meinhof versuchte über ihre Anwälte, ihre Töchter bei ihrer Schwester unterzubringen und das Sorgerecht zu behalten. Ihrem Anwalt Heinrich Hannover erklärte sie, sie habe von dem Plan, Baader zu befreien, nichts gewusst und sei nur geflohen, weil die Aktion nicht wie geplant verlaufen war. Der Justizirrtum des Mordvorwurfs werde sich aufklären. Röhl und Renate Riemeck bestanden darauf, Meinhofs Töchter müssten bei ihrem Vater wohnen. Daraufhin ließ Meinhof sie Anfang Juni in ein Dorf auf Sizilien bringen. Dort lebten sie mit einer Betreuerin in einem Haus mit drei Räumen.

Am 22. Juni 1970 flogen Meinhof, Baader, Ensslin, Mahler und andere von Ostberlin nach Damaskus und reisten dann in ein Lager der Al-Fatah in Jordanien, um dort ein mehrwöchiges militärisches Training zu absolvieren. Dabei kam es zu Konflikten in der Gruppe. Einige stiegen aus, darunter Peter Homann. Er informierte Stefan Aust über den Aufenthaltsort der Kinder Meinhofs und behauptete, sie wolle sie in ein Lager für palästinensische Waisenkinder in Jordanien bringen. Aust holte sie Stunden vor Meinhofs Eintreffen aus Sizilien und brachte sie zu Röhl, wo sie ab September 1970 aufwuchsen. Obwohl Meinhof das Sorgerecht letztlich erhielt, konnte sie dies nicht verhindern. Austs Darstellung, er habe die Kinder vor dem Transport in jenes Palästinenserlager bewahrt, wird von Meinhofs Schwester und einigen Meinhof-Biografen bestritten.

RAF-Texte

Meinhof verfasste den Aufruf Die Rote Armee aufbauen mit, der am 6. Juni 1970 in der linken Szenezeitschrift Agit 883 erschien und deren Lesern den Auftrag gab, den ausgebeuteten Teilen der Bevölkerung die Ziele der Gruppe um Baader klarzumachen. Baaders Befreiung sei nur der Beginn eines „bewaffneten Widerstands“ in der Bundesrepublik, der mit Widerstandsbewegungen in aller Welt verbunden sei. Die ansprechbaren „potenziell revolutionären Teile des Volkes“ diszipliniere nur die Angst vor der Polizei. Ihnen sei mitzuteilen, dass das „Ende der Bullenherrschaft“ bevorstehe. Anders als in früheren Texten Meinhofs fehlte eine Gesellschaftsanalyse, unter welchen Umständen sich Menschen ihrer Lage bewusst und zur sozialen Veränderung bereit werden. Der Aufruf setzte voraus, eine paramilitärische Avantgarde könne und müsse die Bevölkerung mit bewaffneten Aktionen wie der Baader-Befreiung über ihre Unterdrücktheit aufklären und direkt revolutionäre Bereitschaft erzeugen.

Bei einem RAF-Treffen am 24. Dezember 1970, zwei Tage nach der Festnahme von Karl-Heinz Ruhland, Ali Jansen und Beate Sturm, beklagte Meinhof die schlechte Vorbereitung und fehlende politische Strategie der bisherigen RAF-Aktionen. Sie verlangte ein schriftlich fixiertes Konzept, das sie im Gruppenauftrag dann selbst verfasste: Das Konzept Stadtguerilla. Damit antwortete sie auf Kritik aus der radikalen Linken an den nur auf Selbsterhaltung ausgerichteten RAF-Aktionen. Die RAF gab den Text am 30. April 1971 kollektiv heraus. Er folgerte mit Bezug auf marxistische Autoren (vor allem Mao) aus dem Zerfall der APO, einer Rechtsentwicklung der SPD und fehlenden westdeutschen proletarischen Massenbewegung: Die westdeutsche Stadtguerilla müsse den bewaffneten Aufstand der Massen vorbereiten, bevor die Bundesrepublik sich vollends zu einer Diktatur wie in Lateinamerika entwickelt habe. Damit beanspruchte die RAF eine Führungsrolle in der radikalen Linken und schloss jede Rückkehr zu legalen antikapitalistischen Widerstandsformen aus. Die RAF verstand sich nun als streng illegale antiimperialistische Kampftruppe in einem weltweiten Widerstand gegen die westlichen Betreiber des Vietnamkriegs, zu denen sie die Bundesrepublik zählte. Weil Meinhof als Urheberin dieses Konzepts galt, sahen die Strafverfolgungsbehörden sie fortan als „Staatsfeindin Nr. 1“.

Im Juni 1970 veröffentlichte der inhaftierte Horst Mahler eine eigene Zusammenfassung der RAF-Ideologie (Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa), die die übrige RAF als Kritik am Meinhof-Text auffasste. Als der Verlag Klaus Wagenbach Mahlers Text im November 1970 als Diskussionsanstoß herausgab, wurde das Buch sofort verboten.

Straftaten

Infolge der Großfahndung der Polizei stellten die damaligen rund 25 Mitglieder der RAF ihre Kontakte zu anderen linksradikalen Gruppen weitgehend ein und gaben die anfangs angestrebte Verbindung illegaler mit legalen politischen Aktionen auf. Um sich die für illegale Aktionen nötigen Geldmittel zu beschaffen, überfielen sie am 29. September 1970 drei Banken in Westberlin. Meinhof beteiligte sich am Überfall auf eine Sparkasse, bei der vier Personen, eine davon bewaffnet, 8.100 DM erbeuteten, aber verfügbare weitere 97.000 DM übersahen. Ab Oktober 1970 bereitete sie in Westdeutschland Einbrüche in ein Munitionsdepot und ein Rathaus mit vor, um Waffen und Ausweisformulare zu erbeuten. Nach der Festnahme von fünf RAF-Mitgliedern in Westberlin, darunter Horst Mahler, unterblieb der erste Einbruch. Der zweite musste nach dem Verlust der erbeuteten Ausweise auf dem Postweg wiederholt werden. Im November 1970 floh Meinhof bei einer Polizeikontrolle und hinterließ ihre gefälschten Papiere mit einem neueren Foto, so dass ihr damaliges Aussehen öffentlich bekannt wurde. Bei Bekanntenbesuchen erhielt sie einige Ausweichquartiere, so dass die RAF im Dezember 1970 nach Westdeutschland übersiedelte.

Am 15. Januar 1971 überfielen nicht identifizierte RAF-Mitglieder zwei Sparkassen in Kassel. Die Ermittler hielten Meinhof für beteiligt. Im Mai 1972 trug sie sechs Sprengstoffanschläge der RAF mit. Zwei davon trafen kriegswichtige Logistik der US-Armee, zwei weitere Polizeibehörden, einer einen Ermittlungsrichter und einer den Axel-Springer-Verlag. Insgesamt wurden dabei vier Personen getötet und 74 verletzt. An welchen Anschlägen Meinhof direkt beteiligt war und wie, ist ungeklärt. Der RAF-Aussteiger Karl-Heinz Ruhland beschuldigte sie später, sie habe den Anschlag auf eine Verlagsdruckerei in Hamburg (19. Mai; 17 zum Teil schwer Verletzte) verübt. Dagegen bezeugte die RAF-Angeklagte Brigitte Mohnhaupt, Meinhof habe nichts davon gewusst und sei erst danach nach Hamburg gereist, um die Täter des „Kommando 2. Juni“ zu treffen und zu kritisieren. Ensslin betonte im späteren Stammheimprozess, unabhängige Teilgruppen hätten den Anschlag unabgesprochen verübt; die RAF-Führung habe ihn abgelehnt.

Fahndung

Seit 1971 hielt sich Meinhof öfter im Raum Hamburg auf, wo sich eine von acht Teilgruppen der RAF bildete. Bei einer Großfahndung am 15. Juli 1971 meldete die Polizei zunächst, Meinhof sei „auf der Flucht“ erschossen worden. Tatsächlich getötet wurde die 20-jährige Petra Schelm, die sich wie andere Mitglieder des Sozialistischen Patientenkollektivs (SPK) Meinhofs Teilgruppe an jenem Tag anschließen wollte. Am 21. Oktober 1971 wurde Meinhof bei einem RAF-Treffen in Hamburg beinahe gefasst. Der ebenfalls aufgespürte Gerhard Müller erschoss bei der Flucht einen Polizisten. Polizisten töteten Georg von Rauch und Thomas Weisbecker durch Nahschüsse und behandelten Manfred Grashof, Margrit Schiller und Carmen Roll nach deren Festnahme so, dass Meinhof ebenfalls mit Tötung oder inhumaner Haft rechnete. Zu ihrem Schutz begleiteten die RAF-Mitglieder Ralf Reinders und Klaus Jünschke sie nach Weisbeckers Tod oft.

Aus Aussagen Renate Riemecks und Klaus Rainer Röhls erstellte der BKA-Kommissar Alfred Klaus ein Persönlichkeitsprofil Meinhofs, das ihr eine veränderte Identität und verminderte Zurechnungsfähigkeit zuschrieb, eventuell verursacht durch ihre Hirnoperation. Im November 1971 veröffentlichte Riemeck einen offenen Brief an Meinhof in konkret. Unter dem Titel „Gib auf, Ulrike!“ appellierte sie, Meinhof möge die Aussichtslosigkeit ihres Kampfes einsehen und ihren Mitstreitern vermitteln. Die RAF spiele die Rolle einer „Geisterbande“, die nur neuen Antikommunismus erzeuge, ohne ihre Taten wie die lateinamerikanischen Tupamaros rechtfertigen zu können. Riemeck erklärte sich Alfred Klaus gegenüber bereit, sich mit Meinhof in Ostberlin zu treffen, um sie zur Aufgabe zu überreden, und nannte dem BKA mögliche Kontaktpersonen Meinhofs. Nach Stasi-Akten wollte Riemeck Meinhof zur Ausreise nach Kuba bewegen, habe dann aber ein Treffen mit ihr abgelehnt.

Meinhofs nicht abgesandter Antwortbrief wurde am 10. Dezember 1971 in einem Müllbeutel gefunden. Unter dem Titel „Eine Sklavenmutter beschwört ihr Kind“ persiflierte sie Riemecks Appell: „Ich will, dass du Sklavin bleibst – wie ich. […] Dein Mut ist herzlos, denn wie können wir vor ihm noch unsere Feigheit verborgen halten?“ Riemeck zufolge müsse sie sich mit dem übermächtigen Herrschaftssystem abfinden und die Rolle eines Haussklaven annehmen, der es allenfalls zum Aufseher über andere Sklaven bringe. Mit einem Zitat von Röm 13,1 LUT verwies sie auf einen protestantischen Untertanengeist in ihrer Familie.

Von Dezember 1971 bis März 1972 hielt sich Meinhof in Italien auf, um nicht ständig zu Ortswechseln genötigt zu sein. Darum verlor die Bundespolizei zeitweise ihre Spur. Um eine Reaktion der RAF zu provozieren, meldeten manche bundesdeutschen Tageszeitungen, Meinhof habe Suizid begangen oder sei an einem Tumor gestorben und heimlich unter falschem Namen eingeäschert worden. Anders als Andreas Baader, der Falschmeldungen öffentlich widersprach, ging Meinhof nicht darauf ein. Manche Medien missdeuteten ihre politische Entscheidung für die RAF als sexuelle Abhängigkeit von Baader.

Am 23. Dezember 1971 hatte die Bildzeitung die RAF ohne Beweis eines weiteren Bankraubs und Polizistenmordes bezichtigt. Der Schriftsteller Heinrich Böll kritisierte das am 10. Januar 1972 in seinem Artikel „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?“ als Volksverhetzung. Weil die auf das System zielenden Straftaten der wenigen RAF-Täter die Bundesrepublik nicht gefährden könnten, sei die staatliche Reaktion stark unverhältnismäßig. Unter diesen Umständen könne man Meinhof nicht raten, sich zu stellen. Um einen „fairen Prozess“ zu gewährleisten, müsse der Staat ihr „Gnade oder freies Geleit“ (Schutz ihres Lebens bei und nach der Festnahme) anbieten. Sie habe im Gegensatz zu NS-Tätern von der bundesdeutschen Justiz bisher nur „totale Gnadenlosigkeit“ zu erwarten. Böll wurde darum von vielen Politikern und Medien als „Sympathisant“ der RAF angegriffen.

Festnahme

Am 14. Juni 1972 nachts erhielt der Lehrer Fritz Rodewald in Langenhagen bei Hannover Besuch von einer ihm unbekannten Frau. Sie bat ihn, ab dem Folgetag zwei Personen einige Tage in seiner Wohnung übernachten zu lassen. Er sagte zu, informierte am Nachmittag des 15. Juni aber die Polizei, er befürchte, RAF-Mitglieder wollten bei ihm wohnen. Polizeibeamte beobachteten sein Mietshaus und nahmen Gerhard Müller und Ulrike Meinhof abends fest, als sie Rodewalds Wohnung aufsuchten. Meinhof war stark abgemagert und ähnelte dem Fahndungsfoto nicht. In ihrem Gepäck fand man Waffen, Sprengstoff, eine Feldflaschenbombe und einen Text mit Anweisungen der inhaftierten Gudrun Ensslin.

Meinhof wurde in die Polizeidirektion gebracht. Sie durfte keinen Anwalt anrufen. Die Polizei versprach, ihre Anwälte zu unterrichten, tat dies aber nicht. Als sie sich gegen die Abnahme ihrer Fingerabdrücke wehrte, drohte man ihr eine Vollnarkose an. Diese bei Gegenwehr lebensgefährliche Methode wandte die Polizei auch bei anderen Untersuchungshäftlingen der RAF an. Meinhof wurde zwangsweise entkleidet, um eine Unterleibsnarbe (Kaiserschnitt) festzustellen. Zudem wollte der Fahndungsleiter ihren Schädel röntgen lassen, um sie eindeutig zu identifizieren. Er erhielt eine gerichtliche Anordnung dafür. Meinhof wurde nachts in die Röntgenstation einer Unfallklinik gebracht und wollte diese ohne Anwalt nicht betreten. Daraufhin wurde sie von vier Polizeibeamten gefesselt, an Kopf und Beinen festgeschnallt und die Augen wurden ihr verbunden. Dabei wurde sie nach Zeugenaussagen körperlich misshandelt. Eine Anwesende habe bedauert, „dass wir keinen Hitler mehr haben“. Ein Beamter habe zu ihr gesagt: „Wir sind zu Menschen wie ein Mensch, zu Schweinen wie eine Sau, wenn's sein muss wie eine Wildsau.“ Die Vollmacht ihres Anwalts Heinrich Hannover wurde von allen Gerichtsinstanzen abgelehnt. Er erfuhr nicht, wo sie sich befand, und durfte sie erst nach vier Tagen aufsuchen, als sie schon nach Köln-Ossendorf verlegt worden war. Er beschrieb diese Verzögerung als rechtswidrigen Versuch, „die Zeit, in der sie den Ausübern staatlicher Gewalt ohne anwaltlichen Beistand ausgeliefert war, so lange wie möglich auszudehnen und sie durch entwürdigende Behandlung zu zermürben.“

Die Medien berichteten detailliert vom „befremdenden Verhalten der Gefassten“, das sie vielfach als wahnhaft deuteten und auf ihre Hirnoperation zurückführten, kaum von Rechtsverstößen im Umgang mit ihr.

Haft

Ab 16. Juni 1972 befand sich Meinhof in der Justizvollzugsanstalt Köln in strenger Einzelhaft, bis Februar 1973 zunächst in der damals leerstehenden psychiatrischen Frauenabteilung. Ihre Haftauflagen dort waren härter als bei anderen RAF-Gefangenen und werden heute als inhuman eingestuft. Sie war optisch und akustisch vom normalen Anstaltsalltag getrennt. Ihre Zelle war mitsamt den Möbeln vollständig weiß, schalldicht und auch nachts von Neonlicht beleuchtet. Jeder Kontakt zu anderen Häftlingen war ihr verboten, weil sie als politische Agitatorin galt und keine Unruhe stiften sollte. Sie durfte nicht an Gruppenveranstaltungen teilnehmen und nur zu ihren Anwälten, Verwandten und Gefängnispersonal Kontakt haben, weil sie wie Astrid Proll, die dort zuvor einsaß, als besonders gefährlich und gewaltbereit galt. Laut Jutta Ditfurth wurde Meinhof anders als andere Untersuchungsgefangene rund um die Uhr überwacht, nachts mehrmals bei Kontrollen geweckt, täglich leibesvisitiert, durfte nur einmal wöchentlich baden und beim täglichen Hofgang niemand begegnen. Privatbesuche wurden von drei bis vier Beamten begleitet und bei Gesprächen über die Haftsituation sofort abgebrochen. Der Kauf eines Radios, Bücher, Zeitschriften und Teilnahme an Debatten außerhalb der U-Haft waren verboten; erst nach monatelangen Anwaltsbeschwerden erhielt sie ein Radio ohne UKW-Empfang.

Im Januar und Februar 1973 beteiligte sich Meinhof an einem Hungerstreik, mit dem die RAF-Gefangenen ihre Zusammenlegung durchsetzen und die Öffentlichkeit mobilisieren wollten. Der Anstaltsarzt, der im November 1972 vor ihrer weiteren „strengen Isolierung“ gewarnt hatte, sah am 1. Februar ihre Belastungsgrenze erreicht und hielt die Isolierung „in der jetzigen Form nicht mehr für vertretbar.“ Am 31. Januar wurden ihre Auflagen jedoch zunächst verschärft: Sie erhielt Rauchverbot und wurde nachts mindestens alle zehn Minuten beobachtet. Der Anstaltspsychologe warnte, bei ihrer „fast vollkommenen Isolation“ von Umweltwahrnehmungen seien psychische Schäden auf Dauer nicht zu vermeiden. Auf Bitte ihres Anwalts schrieb sie ihre Hafteindrücke auf und beschrieb den Entzug aller Umwelteindrücke im „Toten Trakt“ als lebensbedrohliche „weiße Folter“.

Die RAF-Anwälte stellten die Haftumstände seit 1973 als „Isolationsfolter“ und „Vernichtungshaft“ dar und veröffentlichten Meinhofs undatierten „Brief aus dem Toten Trakt“. In einem weiteren Brief beschrieb sie ihre „Auschwitzphantasien“ im „Toten Trakt“ als „realistisch“. Damit gewann die RAF weitere Anhänger. Am 9. Februar, als die RAF-Anwälte vor dem BGH einen viertägigen Solidaritätshungerstreik begannen, wurde Meinhof in die Männerpsychiatrie verlegt. Dort hörte sie Geräusche, durfte aber weiterhin keine Mitgefangenen kontaktieren. Vorstöße des Anstaltspsychologen, dieses Verbot aufzuheben, wies der Generalbundesanwalt strikt zurück. Ab 5. März durfte sie beim täglichen Hofgang mit einem von der Gefängnisleitung ausgewählten Nicht-RAF-Mitglied reden. Ab April lehnte sie dieses Angebot jedoch ab, weil sie fürchtete, die „Beigeher“ würden ihr Kontaktbedürfnis ausnutzen, um sie zu bespitzeln. Im Juni 1973 stellte Meinhofs Anwalt Ulrich K. Preuß Strafanzeige gegen den Anstaltsleiter und den Landesjustizminister Diether Posser. Darin beschrieb er die Haftumstände als vorsätzlichen „gewaltsamen Angriff auf die persönliche Identität“ seiner Mandantin. Die eintönig weiße, kahle, schalldichte, dauerbeleuchtete und im Winter ständig unterkühlte Zelle solle alle Sinnesreize abtöten. Das Fenster sei anfangs gar nicht, später nur einen Spalt weit zu öffnen gewesen. Meinhof habe nur alle 14 Tage einen höchstens 30-minütigen Verwandtenbesuch empfangen dürfen. Gegen den Foltervorwurf betonte der Anstaltsleiter im August 1973: Meinhofs Zelle sei wie alle Zellen aus Hygienegründen weiß gestrichen und wegen der schwachen Belegung ihrer Abteilung geräuscharm gewesen. Das Fliegengitter vor dem Fenster habe Kontaktaufnahme und Weitergabe von Gegenständen verhindern sollen. Meinhof habe kleine Bilder aufhängen dürfen, bei täglichem Freigang und Essensausgabe Kontakt zum Gefängnispersonal gehabt, pro Woche einen mehrstündigen Anwaltsbesuch, insgesamt 22 30- bis 70-minütige Privatbesuche, regelmäßige Arztbesuche, mehrere Tageszeitungen und Zeitschriften erhalten und Rundfunk empfangen können. Linksgerichtete Zeitschriften, die die Justiz als Gefährdung der Anstaltsordnung ansah, wurden ihr jedoch vorenthalten.

Seit Januar 1973 hatte der Generalbundesanwalt geplant, Meinhof für ein Gutachten über ihren Geisteszustand in eine psychiatrische Anstalt einzuweisen. Als sie davon erfuhr, versuchte sie, eine Zwangseinweisung mit Rechtsmitteln zu verhindern. Im Mai warf sie den Psychiater Hermann Witter aus ihrer Zelle, der im Auftrag des BGH ihre Zurechnungsfähigkeit untersuchen wollte. Grund war ein seit ihrer Hirnoperation 1962 angeblich eingetretener „Persönlichkeitsbruch“. Während des zweiten Hungerstreiks der RAF (8. Mai bis 7. Juli 1973) besuchte Witter sie erneut, wieder erfolglos. Dann wollte er Meinhof mit einer riskanten Szintigraphie auf einen Gehirntumor untersuchen lassen und eventuell mit dem Neurochirurgen Friedrich Loew einen Zwangseingriff durchführen, um vermutete psychische Veränderungen zu beheben. 30 Universitätsärzte erklärten, dies wäre bei fehlender akuter Gesundheitsgefahr grundgesetzwidrig. Am 13. Juli 1973 erlaubte der BGH dennoch den Eingriff. Viele Prominente beteiligten sich nun an den Protesten. Der Spiegel erinnerte am 27. August 1973 an eine seit 1968 zugängliche Krankenakte Meinhofs. Danach hatte man keine Nachwirkungen der Operation von 1962 festgestellt und ihr volle Gesundheit bescheinigt. Witter erklärte am selben Tag, aufgrund des nun bekannten Befunds sei eine Szintigraphie ungeeignet zum Nachweis psychischer Veränderungen. In einem Interview stellte er den Eingriff weiterhin als harmlos und durch RAF-Anhänger aufgebauscht dar, denn Unzurechnungsfähigkeit Meinhofs „wäre ja tödlich für die Chefideologin und ihre Bande“. Meinhofs Strafanzeige vom Juni gegen Körperverletzung im Amt wurde im Februar 1974 abgewiesen.

Im Juli 1974 erstellte der Verfassungsschutz einen Geheimbericht mit abgefangenem Schriftverkehr zwischen Meinhof und ihren Anwälten. Darin soll sie gefordert haben, Prominente von Folterabsicht des Staates zu überzeugen und die öffentliche Meinung zu ihren Haftumständen mit bestimmten Begriffen rhetorisch zu beeinflussen. Das sollte belegen, sie habe die Kampagne gegen „Isolationsfolter“ vom Gefängnis aus systematisch eingefädelt und gelenkt.

Im November 1974 begannen die RAF-Häftlinge ihren dritten und längsten Hungerstreik, bei dem Holger Meins starb. Zu Beginn forderte Meinhof die inzwischen entstandenen Komitees der „Roten Hilfe“ über herausgeschmuggelte info-Texte zu intensiven Solidaritätsaktionen und zur Zusammenarbeit mit Amnesty International, Jungsozialisten, Pen Club und anderen Gruppen auf. Damit bekräftigte sie den Führungsanspruch der RAF. Im Dezember bat Bundespräsident Gustav Heinemann Meinhof in einem Privatbrief, den Streik zu beenden, um weitere Todesopfer zu vermeiden.

Meinhof gehörte zu den Gefangenen, die bei der Geiselnahme der israelischen Olympia-Mannschaft freigepresst werden sollten. Nachdem alle Geiseln bei der missglückten Befreiung ums Leben gekommen waren, lobte Meinhof in ihrer Analyse vom November 1972 die Aktion der palästinensischen Genossen. Schuld an den Todesopfern seien nicht die Terroristen des Schwarzen September, sondern der Staat Israel, der „seine Sportler verheizt [hat] wie die Nazis die Juden – Brennmaterial für die imperialistische Ausrottungspolitik“. Sie verglich den israelischen Verteidigungsminister Mosche Dajan mit Heinrich Himmler. Jedoch bezeichnete Meinhof diese Analyse später selbst als „trostlos“.

Gerichtsverfahren

Am 29. November 1974 war Meinhof wegen der Beteiligung an der Baader-Befreiung im Mai 1970 zu acht Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden, für die sie in die Justizvollzugsanstalt Stuttgart eingewiesen wurde. Dort war sie mit bis zu neun anderen RAF-Häftlingen zusammengelegt. Trotz der im Vergleich zu anderen Häftlingen bevorzugenden Haftbedingungen wurde weiter das Gerücht der Isolationshaft auf gut vernetzten Wegen gestreut und als Mittel der Radikalisierung von Sympathisanten gebraucht.

Am 21. Mai 1975 wurde sie im Stammheim-Prozess wegen vierfachen Mordes und vielfachen Mordversuchs angeklagt; zu einem Gerichtsurteil kam es aufgrund ihres Todes nicht mehr.

Tod

Am 9. Mai 1976 fanden Justizbeamte Ulrike Meinhof mit einem aus Handtuchstreifen geknoteten Strick um den Hals erhängt am Fenstergitter ihrer Zelle. Ihre Anwälte durften die Spurensicherung nicht begleiten. Die Gerichtsmediziner Joachim Rauschke und Hans Joachim Mallach obduzierten den Leichnam und stellten Strangulation ohne Fremdeinwirkung als Todesursache fest. Werner Janssen obduzierte die Tote im Auftrag ihrer Schwester am 10. Mai erneut und bestätigte, Meinhof sei durch Erhängen gestorben. „Nach den bisher vorliegenden Untersuchungsbefunden besteht kein Anhalt für Fremdeinwirkung.“ Die Befunde der Erstobduktion wurden ihm nicht vorgelegt.

Die Staatsanwaltschaft hatte noch vor dem Obduktionsergebnis Suizid und eine Ausgrenzung Meinhofs durch Mitgefangene als Motiv dafür genannt. Am 12. Mai 1976 wurde Meinhofs Zelle renoviert. Am 10. Juni wurden die Ermittlungen zu ihrem Tod eingestellt. Ihre Anwälte behaupteten einen Mord. Auf Initiative von Otto Schily bildeten sie ab August 1976 mit prominenten Aktivisten eine Internationale Untersuchungskommission. Für einige RAF-Anwälte sollte sie die Mordthese untermauern und aus Gegnern der Bundesrepublik Deutschland bestehen. Sie prüfte die Obduktions- und Ermittlungsberichte und folgerte daraus 1978, Meinhofs Suizid durch Erhängen sei nicht bewiesen. Es liege nahe, dass sie schon tot gewesen und dann aufgehängt worden sei. Eventuell sei sie zuvor vergewaltigt worden. Ein Suizidmotiv und ein Abschiedsbrief fehlten.

Deutsche Medienberichte kritisierten diese Thesen als Fehldeutung der Obduktionsbefunde. Als Belege für ein Suizidmotiv zitierten sie Angriffe auf Meinhof in Rundbriefen der anderen Häftlinge. Ensslin sagte am 4. Mai 1976 zum Anschlag auf das Springerhochhaus in Hamburg : „Insofern sind wir sicher auch verantwortlich für Aktionen von Kommandos, zum Beispiel gegen das Springer-Hochhaus, deren Konzeption wir nicht zustimmen und die wir in ihrem Ablauf abgelehnt haben.“ Meinhof war dabei nicht anwesend. Manche Autoren deuten Ensslins Aussage als Distanzierung von Meinhof und somit als mögliches Motiv ihres Suizids. Meinhofs letzte Erklärung vor Gericht (10. März 1976) wurde als verzweifelter „Hilferuf“ darüber gedeutet, dass ihr nur noch die nicht gangbare Alternative zwischen Schuldeingeständnis oder Verrat der Mitgefangenen bleibe. Jedoch hatte sich Meinhof nicht am 10. März 1976, sondern Monate vorher und ohne erkennbare Emotion zu diesem Thema geäußert.

Die Todesnachricht führte zu zahlreichen, teilweise gewalttätigen Demonstrationen inner- und außerhalb der Bundesrepublik und zu Anschlägen auf deutsche Einrichtungen in anderen Ländern. Am 7. April 1977 erschoss das Kommando Ulrike Meinhof der RAF den Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seine Begleiter.

Da sich viele Gemeinden in Deutschland weigerten, eine Grabstelle zur Verfügung zu stellen, und sich nur die Gemeinde des Dreifaltigkeitsfriedhofes III in Berlin-Mariendorf zur Bestattung bereit erklärte, wurde Ulrike Meinhof dort am 15. Mai 1976 beigesetzt. Bei der Beisetzung demonstrierten etwa 4000 Menschen. Der evangelische Theologe Helmut Gollwitzer, der mit Rudi Dutschke befreundet und der Seelsorger von Ulrike Meinhof war, hielt die Trauerrede. Der Verleger Klaus Wagenbach sagte, sie sei an den „deutschen Verhältnissen“ zugrunde gegangen. Die Grabstätte befindet sich im Feld 3A-12-19. Das Grab liegt in dem Bereich des Friedhofes, welcher geschlossen werden soll.

Bei der Erstobduktion hatte der Neurologe Jürgen Peiffer Meinhofs Gehirn entnommen. Im Herbst 2002 erfuhr Meinhofs Tochter Bettina Röhl, dass das Gehirn nicht beerdigt worden war. Stattdessen war es jahrzehntelang in Formalin aufbewahrt und nach der Wende erneut in der Psychiatrischen Universitätsklinik Magdeburg untersucht worden. Bei der ersten Autopsie 1976 wurde eine Schädigung im Bereich der Amygdala festgestellt. Diese beruhte auf einer erfolglosen Entfernung eines gutartigen Tumors aus dem Jahr 1962. Die damals unveröffentlichten Autopsieergebnisse wiesen im Zusammenhang mit dem Hirnschaden auf eine wahrscheinlich verminderte Schuldfähigkeit von Meinhof hin. Die Professoren aus Magdeburg kamen im Rahmen ihrer Untersuchungen zu einem ähnlichen Schluss. Ihnen wurde daraufhin von einer Ethik-Kommission untersagt, weiter an dem Gehirn zu forschen oder ihre bisherigen Forschungen zu veröffentlichen. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart forderte das Gehirn von den Professoren zurück, ließ es einäschern und die Asche den Angehörigen übergeben. Am 22. Dezember 2002 wurde diese ebenfalls auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof beigesetzt.

Rezeption

in Sekundärliteratur

Ulrike Meinhof wurde, so der Publizist Gerd Koenen, „zur Ikone und Märtyrerfigur der Linken schlechthin, und gerade der ‚undogmatischen‘.“ Der Journalist Stefan Aust legte 1985 mit Der Baader-Meinhof-Komplex eine einflussreiche Darstellung des Lebens Ulrike Meinhofs vor, die 2008 Grundlage für den gleichnamigen Film wurde. An Austs Darstellung wird kritisiert, dass er Andreas Baader und Gudrun Ensslin dämonisiere, um Ulrike Meinhof zu rehabilitieren bzw. zu legitimieren. Nicht zuletzt von dem „Mythos“, den Aust aufgebaut habe, grenzte sich die Publizistin Jutta Ditfurth mit ihrer Meinhof-Biographie (2007) ab. Ditfurth wurde umgekehrt vorgeworfen, Meinhof zu positiv dargestellt zu haben. Im selben Jahr veröffentlichte die Politikwissenschaftlerin Kristin Wesemann „eine politische Biografie“, in der sie vor allem Meinhofs kommunistische Ideale kritisierte. Die britische Germanistin Sarah Colvin bezog sich in ihren Veröffentlichungen vor allem auf Meinhofs Sprache, die entscheidenden Einfluss auf die Sprache und damit auch auf die Taten der RAF gehabt habe und die sie sowohl als Kritik an der Sprache der radikalen Linken als auch als eine Kritik an der maskulinen Ökonomie des Wissens interpretiert.

Colvin hat außerdem darauf hingewiesen, dass Meinhofs Leben von Mythen und Legenden umgeben sei. Zum einen identifiziert sie das Motiv des „Engels“, das bereits in der Autobiographie ich bin ein Mensch für mich (1992) von Meinhofs Pflegemutter Renate Riemeck anklinge. Riemeck hatte zuvor bereits andere Autoren mit Material und Erinnerungen über Meinhofs Kindheit versorgt. Auch Meinhofs Ehemann Klaus Rainer Röhl beschreibt in seiner Autobiographie Fünf Finger sind keine Faust (1974) in einer Anekdote, wie die Schülerin Ulrike Meinhof einem Studienrat widerspricht. Diese Anekdote wird sowohl von Mario Krebs in seiner Biographie Ulrike Meinhof. Ein Leben im Widerspruch (1988) als auch von Stefan Aust im Baader-Meinhof-Komplex zitiert. Der Theologe Helmut Thielicke bezeichnete den Bruch in Meinhofs Leben als „luziferischen Absturz“. Verknüpft wurden diese Motive von Alois Prinz in seiner Biographie Lieber wütend als traurig (2003), die 2004 den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte Sachbuch erhielt. Prinz charakterisiert Meinhof darin als gefallenen Engel.

Immer wieder zitiert wird ein Ausspruch des damaligen Altbundespräsidenten Gustav Heinemann. Helmut Gollwitzer hatte damit den Abdruck seiner Grabrede auf Ulrike Meinhof eingeleitet, wonach Heinemann, schon sterbenskrank, auf die Nachricht vom Tode Ulrike Meinhofs geflüstert habe: „Sie ist jetzt in Gottes gnädiger Hand – und mit allem, was sie getan hat, so unverständlich es für uns war, hat sie uns gemeint.“ Dieses Zitat wird unterschiedlich interpretiert. Laut dem Journalisten Reinhard Mohr habe Heinemann damit „den diffusen hagiographischen Konsens in protestantischer Klarheit“ ausgedrückt. Für den Autor Willi Winkler hatte Heinemann nach Meinhofs Tod „von Staats wegen versöhnliche Worte gefunden“. Heinemann, so die Interpretation der Politikwissenschaftlerin Kristin Wesemann, habe anders als Gollwitzer, Kurt Scharf, Heinrich Böll und Jean-Paul Sartre nicht mehr versucht, Meinhof zu verstehen, sondern weitere Todesfälle verhindern wollen. Als gläubiger Christ habe er Meinhof immer als Mensch gesehen und ihr zugestanden, dass ihre Taten nicht der reinen Lust am Tun gefolgt seien, sondern eine Absicht gehabt hätten. Wen er mit „uns“ meinte, habe er offengelassen.

Aufsehen erregte eine Erinnerung Marcel Reich-Ranickis in seinen Memoiren Mein Leben (1999/2001). Er berichtete von einem Gespräch, das Meinhof 1964 nach seinem Auftreten als Zeuge im Prozess gegen Karl Wolff mit ihm über die Lebensbedingungen im Warschauer Ghetto führte. Reich-Ranicki wunderte sich dabei über ihr Interesse und bemerkte, sie habe am Ende des Gesprächs „Tränen in den Augen“ gehabt. Er frage sich deshalb, ob es „denkbar [wäre], dass es zwischen ihrem brennenden Interesse für die deutsche Vergangenheit und dem Weg, der sie zum Terror und zum Verbrechen geführt hat, einen Zusammenhang gibt.“ 2004 wurde diese Begegnung Gegenstand öffentlichen Interesses, da Bettina Röhl Reich-Ranicki mitteilte, dass ihre Mutter den Kontakt zu ihm im Auftrag der KPD gesucht habe, um ihn gegebenenfalls als Kollaborateur öffentlich bloßstellen zu können. In den Zeitungen Die Welt und Frankfurter Rundschau wurde diese Motivation Meinhofs bezweifelt, und auch Reich-Ranicki selbst wollte seine Wahrnehmung Meinhofs nicht revidieren. Nach Colvin wurden die Biografien anderer Terroristen wie Baader, Ensslin oder Inge Viett in der Rezeption nicht in derselben Weise mit der deutschen Geschichte verknüpft wie die Meinhofs.

Zur Beschreibung der erwachsenen Ulrike Meinhof wurden, so Colvin, Vergleiche zu militanten und märtyrerhaften Frauenfiguren bemüht. Peter Rühmkorf („eine heilige Johanna“), Joachim C. Fest („die Jeanne d'Arc der Linken“) und wiederum Klaus Röhl verglichen Meinhof mit Johanna von Orleans. Reinhard Baumgart, Timon Koulmassis und Erich Fried fühlten sich bei ihr an Rosa Luxemburg erinnert. Elfriede Jelinek überblendete in ihrem Stück Ulrike Maria Stuart die Biographie Meinhofs mit der Biographie Maria Stuarts. Weitere Vergleiche assoziierten Meinhof mit Sophie Scholl (K. Röhl und Aust) oder bezeichneten sie als „Blockflötenmädchen“ (Reinhard Opitz, Mario Krebs, Uwe Backes) und hoben ihre Ernsthaftigkeit und Integrität hervor („das ernste Mädchen“, Aust; „fleischgewordene intellektuelle Redlichkeit“, K. Röhl) Heinrich Böll stellte Meinhof in Aussicht, „als die klassische rote Hexe in den Siedetopf der Demagogie zu geraten“. Colvin weist darauf hin, dass gewalttätige bzw. kriminelle Frauen in der Regel als aktiv und libidinös veranlagt und damit als männlich wahrgenommen würden. Umgekehrt sei es zur Verteidigung Meinhofs entscheidend gewesen, ihre Weiblichkeit zu betonen, etwa ihre Mutterschaft oder ihre Ablehnung von Waffen, wie es vor allem Klaus Röhl, Aust und Alois Prinz unternähmen. Darüber sei etwa der Bericht ihrer Tochter Regine Röhl in Vergessenheit geraten, wonach ihre Mutter durchaus Waffen getragen habe.

Belletristik, Kunst

  • Um die Lebensgeschichte von Ulrike Meinhof geht es in Johann Kresniks gleichnamigem Stück, das 1990 im Bremer Theater uraufgeführt wurde. In der Spielzeit 2005/2006 stand es im Programm der Bonner Oper.
  • Das Theaterstück Ulrike Maria Stuart von Elfriede Jelinek wurde 2006 am Hamburger Thalia-Theater aufgeführt.
  • Das Theaterstück La extraordinaria muerte de Ulrike M. von Carlos Be.
  • Das Theaterstück Ulrike. Mondzeit – Neonzeit von Helma Sanders-Brahms
  • Das Theaterstück Leviathan von Dea Loher beschreibt die Entscheidungssituation von Ulrike Meinhof – unter ihrem zweiten Vornamen „Marie“ fast unkenntlich – ob sie nach der Befreiungsaktion für Baader im Untergrund bleiben oder in die Normalität zurückkehren soll.
  • In dem 1975 abgeschlossenen, 1987 erschienenen Roman Am Rubikon. Die schaudervollen Vorkommnisse in der Kommune V von André Müller sen., der die psychologische Genesis der RAF satirisch behandelt, spielt Ulrike Meinhof als Sophie eine tragende Rolle.
  • Der Gemäldezyklus 18. Oktober 1977 von Gerhard Richter aus dem Jahr 1988 hat das grauenhafte Geschehen der Selbstmorde in Stammheim zum Thema.
  • Dagmar Leupold: Die Helligkeit der Nacht , München 2009 (C.H. Beck). Der Roman fingiert Briefe von Heinrich von Kleist, dem Autor der Erzählung Michael Kohlhaas, an Ulrike Meinhof, in denen er sich u. a. mit der Frage auseinandersetzt, wo der Punkt liegt, der die Hinwendung zum Terrorismus auslöst.
  • Die Verhaftung von Ulrike Meinhof am 15. Juni 1972 in der Walsroder Straße 11 ist im kollektiven Gedächtnis der Stadt Langenhagen hängen geblieben. 25 Jahre später erinnert die Künstlergruppe p.t.t.red (paint the town red) in ihrer einwöchigen künstlerischen Aktion Außerparlamentarische Situation (24.–28. Februar 1997) zur Kunst im öffentlichen Raum daran „Ulrike Meinhof spricht über ihre Verhaftung in Langenhagen.“
  • am >>offenen grab<< der ulrike meinhof Stefan Micheel Mit einer mehrteiligen Installation widmet sich Stefan Micheel der Geschichte des Grabes von Ulrike Meinhof. Die Arbeit entstand im Zeitraum von 1996–2003 – 2009 in Berlin und der Hamburger Kunsthalle.

Musik

  • Die DDR-Punkband AufBruch widmete ihr den Song Für Ulrike.
  • Das Lied Ulrike des deutschen Künstlers crument aus seiner im September 2010 erschienen EP Klassengesellschaft.
  • Das Lied Liebe Ulrike der italienischen EBM-Band Pankow
  • Das Lied Briefe aus dem toten Trakt der Band Guts Pie Earshot vertont einen Text von Ulrike Meinhof.
  • Das Lied Stammheim (Kampf) der Band Weena Morloch vertont ebenfalls ein Zitat von Ulrike Meinhof.
  • Der Titelsong des gleichnamigen Albums Broken English von Marianne Faithfull bezieht sich auf Ulrike Meinhof.
  • Die deutsche Hiphop-Formation „Freundeskreis“ nimmt auf ihrem ersten Album „Quadratur des Kreises“ von 1997 im Titel: „Cross the Tracks“ Bezug auf Meinhofs Erlebnisse im „Toten Trakt“ der JVA Ossendorf. Diese werden in Verbindung zum Todestrakt der staatlichen Strafvollzugsanstalt Huntington gesetzt, welche auf Erfahrungen von Mumia Abu-Jamal beruhen.
  • Eine britische Punkband benannte sich nach Ulrike Meinhof (Meinhof).
  • Die deutsche Band Der Plan brachte 2004 mit ihrem Album Die Verschwörung den Track Ulrike heraus, auf dem man Meinhofs Stimme hört.
Film
  • Stammheim; Film von Reinhard Hauff mit Therese Affolter in der Rolle der Ulrike Meinhof; nach dem Buch von Stefan Aust, 1986
  • Ulrike Marie Meinhof; Film von Timon Koulmassis. Dokumentarfilm von ARTE, 1994
  • Johannes Unger und Sascha Adamek: Ulrike Meinhof – Wege in den Terror; Dokumentarfilm des RBB, 2006 (alternativ auf YouTube)
  • „So macht Kommunismus Spaß“. Ulrike Meinhof und die Akte Konkret; Dokumentarfilm von Bettina Röhl für Spiegel TV, 2007
  • Der Baader Meinhof Komplex; Film von Bernd Eichinger mit Martina Gedeck in der Rolle der Ulrike Meinhof; nach dem Buch von Stefan Aust, 2008

Publikationen

  • Die Würde des Menschen ist antastbar. Aufsätze und Polemiken. (1980) Klaus Wagenbach, Berlin 2008, ISBN 3-8031-2491-3.
  • Klaus Rainer Röhl, Hajo Leib (Hrsg.): Ulrike Meinhof: Dokumente einer Rebellion. 10 Jahre konkret-Kolumnen. konkret Buchverlag, 1972
  • Bambule – Fürsorge, Sorge für wen? (1971) Klaus Wagenbach, Berlin 2002, ISBN 3-8031-2428-X. (Drehbuch des gleichnamigen Fernsehspiels Bambule, Südwestfunk, 1970. Regie: Eberhard Itzenplitz)
  • Deutschland Deutschland unter anderm. Aufsätze und Polemiken. (1967) Klaus Wagenbach, Berlin 2012, ISBN 3-8031-2690-8.
  • Gefahr vom Fließband. Arbeitsunfälle – beobachtet und kritisch beschrieben. Abendstudio, Hessischer Rundfunk, 1965. Regie: Peter Schulze-Rohr
  • Karl Wolff oder: Porträt eines anpassungsfähigen Deutschen. Abendstudio, Hessischer Rundfunk, 1964. Regie: Heinz Otto Müller

Ursache: wikipedia.org

Keine Orte

    loading...

        NameBeziehungGeburtTotBeschreibung
        1Gudrun  EnsslinGudrun EnsslinArbeitskollege, Gleichgesinnte, Genosse15.08.194018.10.1977
        2Andreas  BaaderAndreas BaaderBekanntschaft, Gleichgesinnte06.05.194318.10.1977
        3Ingrid SchubertIngrid SchubertGleichgesinnte07.11.194412.11.1977
        Schlagwörter